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  • Andreas Karisch

Ein Essay über Trauer

Aktualisiert: 13. Juli

Nichts lehrt einen mehr über die Trauer, als das eigene Erleben. Am 24. April 2020 starb die Mutter meiner jüngeren Kinder. Schock und Entsetzen über das völlig überraschende, obwohl erwartete Ereignis. Aber der Mensch hat Überlebensstrategien.


Die Kinder konnten, jenseits ihrer Traurigkeit, weiter ihren Alltag leben und unbelastet genießen. Diese Fähigkeit verliert sich leider zum Teil mit dem Erwachsen werden. Meine Traurigkeit überschattete mich 24/7. Um einer Lähmung zu entgehen, ergriff ich jede Möglichkeit des Handelns: Beerdigung, Papierkram, Umzug der Kinder, Wohnung räumen, Haushalt, Begleitung der Kinder etc. Soweit „normal“, zumindest in Bezug auf häufig typische Reaktionen der ersten Tage, Wochen, oder auch Monate.


Was aber, wenn die schulischen Leistungen zurückgehen, die Fehlzeiten immer länger werden. Wenn soweit alles getan ist, sich der Kopf einschaltet, und die Trauer übermächtig wird. Kinder brauchen das Darüberreden. Daher ist immer der erste Schritt, die gestorbene Person, das Sterben selbst und alle Begleitumstände, wie Krankheit, Bestattung, Wut und Trauer, schöne Erinnerungen etc. zum Thema zu machen und damit die Person „lebendig“ zu halten und das Sterben in den Alltag zu integrieren.





Eine große Gefahr für Kinder und Eltern ist Sprachlosigkeit. Es kann die innerfamiliäre Kultur sein, solche Themen zu tabuisieren, oft genug aber erstarrt der zurückgebliebene Partner in seiner eigenen Trauer. In diesen Fällen sollte zumindest für die Kinder eine Trauergruppe oder eine Therapeut*in unterstützen.


Ich hatte einen wichtigen und sehr besonderen Menschen verloren, aber ich blieb nicht alleine zurück, da wir kein Paar mehr waren. Dadurch war es mir von Anfang an möglich dem Ereignis sprachlich Raum und Alltag zu geben und den Kindern wieder und wieder Angebote zum Reden, zum Fotoalben schauen, zum Kuscheln zu machen. Ich war professionell begleitet und für die Kinder gab es im Hintergrund einen Kinder- und Jugendtherapeuten.


Zwei Jahre lang waren wir wie mit Gummibändern verbunden. Jeder hatte Freiheit und Autonomie in der Gestaltung seines Alltags und seiner Trauer und dennoch waren wir innerlich immer verbunden. Ich empfinde das als großes Geschenk und staune zudem über unsere Unterschiedlichkeiten. Ich selbst habe mich mit Handeln und Arbeiten betäubt, hatte Schuldgefühle und Fluchtgedanken, war erst Überfordert und erst später weinend. Der damals 13-jährige hat eine konfrontative Art sich seiner Trauer zu stellen. Der damals 12-jährige weicht ihr aus und zieht sich zurück. Wie ich gelernt habe, hat er Ereignis und Trauer gekapselt, um den Karton dann wegzustellen. Heute eine akzeptierte Form der Bewältigung.


Jetzt scheinen wir durch das Gröbste durch. Die Noten haben sich eingependelt, der Schulbesuch ist regelmäßig, die Traurigkeitsanfälle werden seltener. Spannend wird festzustellen sein, wie sehr uns das Ganze langfristig verändert und geprägt hat - sicher aber positiv.


Andreas Karisch

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